Wie ich einmal einen Akkordeonspieler gegen die Panflöten-Mafia eintauschte.

by freimachen

In der Stadt zu leben, hat viele Vorzüge.
Auf der Positivseite: Man kann einfach aus der Tür direkt hinein in sein gastronomisches Wohnzimmer stolpern (und zurück), hat Freunde und viel zu viele Bekannte, die man grüßen darf und muss, einen Überfluss an Konsumorten für jede Art von Ersatzbefriedigung, und um jede noch so irrwitzige Uhrzeit, bekommt allabendliche Abwechslung vom Singledasein geboten, wenn man das denn will, spart sich teure Auto- und Taxifahrten, erfreut sich am Anblick des einzig wahren Stadions und kann behaupten, einen gewissen Grad an kultureller Vielfalt ohne großen Aufwand genießen zu können. Man merkt schon an der anstrengend langen Aufzählung, wie anstrengend das mitunter sein kann. (Auch sich das andauernd ein und schön zu reden.)

Aber dann gibt es da ja auch noch die als Luxusprobleme getarnten, belanglosen Fürze, um die man sich scheren und drüber beschweren kann. Beispielsweise, dass man sich nachts auch mal durch grölende Junggesellenabschiede aus dem Schlaf reißen lassen darf, bis zu einer Stunde einen Parkplatz suchen kann, die Mülltonnen notorisch verstopft sind oder man gelegentlich von Kotze und Ersatzurinalen im Hauseingang überrascht wird, nimmt man mit der Zeit ganz unemotional und gelassen hin. Man wohnt halt noch (!) “in der Stadt”, da ist das nunmal so. Man ist mittendrin und will es fürs Erste auch noch bleiben – bevor es dann “aufs Land” geht. Des urbanen Lemmings liebster Satz bzw. Selbstbetrug. Erst recht, wenn er sich dazu entschlossen hat, seine pensionsunsicheren Heimarbeitszelte genau hier aufzuschlagen, nur um dann mit Worten wie “Freelancer”, “selbstständig” und “individuell” und nicht mit Geld um sich schmeißen zu können. Das is nicht zwar eigentlich ganz und gar nicht schön und individuell, aber realistisch.

Und darum soll es an dieser Stelle auch gar nicht gehen. Denn neben diesen konstruierten und den ganz natürlichen Nachteilen (Gesundheit, Natur, Luftqualität, Lautstärke, Geruch, Freakquote etc.) gibt es auch noch die Art von urbanen Phänomenen, die auf den ersten Blick zwar erstmal belustigend bis lächerlich wirken, unterm Strich aber durchaus verstörende Gedankengänge produzieren können…

Mitunter werden Sie zum Nährboden gewaltverherrlichender Phantasien und Verschwörungstheorien, werden größer und dringender, kosten Nerven und Ruhe. Sie verstärken sich durch Wiederholung und urbane Unausweichlichkeit. Sie sind kurz gesagt: Des Hipsters Amargeddon…

Mein ganz persönlicher Gegner ist das personifizierte Grauen in Form eines Akkordeonspielers. Ca. 50 Jahre alt, leicht untersetzt, mikrig mit gegerbten Gesicht, eher hygienisch minderbemittelt und hartnäckig bis nervtötend aufdringlich freundlich. Sozusagen mein neuer Nachbar. Denn seitdem er vor der Tür vom Netto-Supermarkt gegenüber eingezogen ist, zieht bei mir jeglicher Pazifismus aus. Der Quell der Abneigung ist vordergründig banal, tiefgründiger betrachtet aber katastrophal. Der gute Nachbar verdient sich seine Onitsuka Tiger Schuhe nämlich mit Straßenmusik. Bis dahin, noch kein Grund zum Anstoss, ehrhaft und Musik ist ja erstmal etwas durchaus Schönes, egal aus welcher Richtung. So viel Toleranz muss sein. Aber das was stört, ist so lächerlich wie quälend zermürbend auf Dauer: sein Geschmack. Nebenbei bemerkt, kann dieser auch einfach – mal ganz objektiv  – kein absatzförderndes Instrument in seinem Sinne sein. Ich konnte noch nie beobachten, dass sich jemand zu ein paar lieblos hingworfenen cents erbarmen konnte. (Bei ca. 2-3 Aufeinanderstreffen pro Woche macht das in 1,5 Jahren übrigens eine relevante Fallzahl von bis zu 231 Stichproben…!!!) Was allerdings bei der musikalischen Auswahl an lähmend depressiver, melancholischer Polka auf 25 Beats, bei näherer Analyse nicht allzu sehr überraschen mag. Außer ihn vielleicht. Offensichtlich aber nicht, denn sonst wäre er wohl längst nicht mehr da. Ganz subjektiv betrachtet, es kostet als “Freiberuflerin mit Homeoffice”, die die meiste Zeit ihres Arbeitslebens hinter den heiligen vier Wänden verbringt, wertvolle Nerven, wenn man beim Arbeiten nicht auf einen Touch Natur (in Form von feinstaubbelasteter Stadtbrisen) verzichten möchte. Denn nahezu täglich haut er mit Inbrust stundenlang in die Tasten, treibt seine 5-Song-Playlist ein ums andere Mal durchs Viertel und schickt die direkten Nachbarn dankenswerter Weise auf ebenso direktem Weg schnurstracks in die musikalische Hölle.

Seit einigen Wochen nun führen wir den Krieg der Straße, psychologische Kriegsführung in Reinform. Meine humanistische Geheimwaffe bisher? Ich strafe ihn mit Nichtbeachtung. Wenn ich meine Einkaufsgewohnheiten mal nicht auf sein Erscheinen hin abstimme (was nicht verwundert, schließlich schiebt er 6-Stunden-Schichten) kommt es zum Showdown an den Einkaufswagen. Seine übertrieben gekünstelten “Hallo”s und “Guten Tag”s prallen ab an einer Wand aus verdreht, zusammengekniffenen Blick. Mit kritisch vielsagender Augenakrobatik, bohre ich durch ihn hindurch. Die Lippen bleiben versiegelt und werden lediglich im Nachgang, um ein leichtes Augenrollen mit mikroexpressionistischem Kopfschütteln ergänzt. Eine wirkungsvolle Masche. Leider wiederum nicht in meinem Sinne, wie ich heute feststellen musste. Denn je mehr ich diese Waffe spitze und trainiere, je fröhlicher versucht er sein Glück.

Für heute hat aber auch er erstmal aufgegeben. Die Natur hat sich eingemischt und schmeißt – mit der deutlich wirkungsvolleren Geheimwaffe – wütend mit Donner und Blitz um sich. Als wolle selbst sie sagen: “Hömma auf mit dem Scheiss oder ich komm’ dir da runter”. Danke Natur, danke Sommer, der du nicht da bist. Endlich Ruhe. Wenigstens dieser Tag ist  gerettet und ich kann jetzt anfangen zu arbeiten.

Heute also habe ich beschlossen: Es braucht eine neue Taktik. Und ich werde am längeren Hebel sitzen, da bin ich mir sicher. Denn die Straße brennt weiter, bis es wieder heißt: “Let’s fight for/against Polka, part 28”. Dann mit dem Thema: “Wie ich einmal einen Akkordeonspieler gegen die Panflöten-Mafia eintauschte”.

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