Fucking Weihnachten…

by freimachen

Der Mann in der Werbung schreit es mir entgegen: “Essss ist Weihnaaaachten!!!”.

Laut, agressiv, herausfordernd. Wissend? Wissend, dass es wohl das erste Mal sein wird, dass ich es wirklich nicht weiß, ob es das ist, was es sein sollte?!?  Es nicht zu spüren, kann nicht mit einem schönen Gefühl verknüft werden. Deswegen noch mal umso lauter??? Nein, er kann es nicht wissen, ich weiß, so gut ist die Werbung noch nicht.

Er hat einfach Recht. Es hat sich ja leider auch angedeutet.

Seit Monaten zieren Dominosteine und debil grinsene Männer in rot die Supermarktregale, tragen überdrehte Menschen freiwillig schreckliche Mützen in den Innenstädten spazieren, und singt mir das Radio vom letzten Mal entgegen. Seit September hat es sich angebahnt, angeschlichen und sich in jeder noch so kleinen Ritze festgesetzt. Rotwein wurde zu Glühwein und warm, Ikea zwecks Kerzenkauf gestürmt und die EC-Karte bis zur Unkenntlichkeit misshandelt. Mein Spamordner hat mir schon, zugegebenen reichlich optimistisch, im Oktober eine ordentliche Latte zu Weihnachten versprochen und bis jetzt dieses Versprechen definitiv nicht gehalten und selbst der piefigste Newsletter ruft die Super-Duper-Weihnacht-Shooping-Wochen aus. Ungeduldiges Warten auf den Postboten, nervösen Warenkorbklicken und unzählige Törchen weiter, steht es also nun definitiv vor der Tür. Weihnachten. Morgen. Einmal werden wir noch wach… Und so weiter und so fort…

Es hätte eigentlich alles gepasst. Sentimental genug bin ich, die Endjahrenstimmung ist da, und draußen hat es tatsächlich schon geschneit. Es hätte nur besser werden können. Wurde es aber nicht. Stattdessen tritt 2009 auf den letzten Metern noch mal nach und verabschiedet sich auf Knall und Fall, mit Sack und Pack, den Mittelfinger weiter ausgestreckt.

Es ist anders. Dieses Jahr ist es anders. Da ist keine Besinnlichkeit, keine innere Ruhe, kein Abschließen und Abschießen. Da ist keine Festlichkeit, nichts Frohes und Feierliches.  Es ist taub. staubtaub. Innen wie außen.  Bei jedem “Ich wünsche dir frohe  Weihnachten” möchte ich kotzen und die Kotze manisch grinsend als Geschenk verpacken und verbrennen. Es ist anmaßend und grenzwertig. Übertrieben und kindisch. Aber es ist nunmal so. Weihnachten kann mich mal. Also für mich.

Denn paradoxerweise ist es mir in diesem Jahr besonders wichtig, dass zumindest alle anderen wirklich schöne Weihnachten haben. Ich wünsche es Ihnen von Herzen, ich möchte, dass es Ihnen gut geht, sie zufrieden sind und ehrliche Freude darüber empfinden können. Und während die Revue im Kopf das Jahr passieren lässt, kommt zum ersten Mal so etwas wie Besinnlichkeit auf. Oder wie auch immer man das nennt. Der Wunsch zum Ende des Jahres Frieden zu schließen. Mit jedem, mit dem das nicht gelang. Mit denen die immer da sind, denen die gegangen sind, mit denen die gekommen und denen die geblieben sind. Mit dem Wissen wie schnell es vorbei sein kann, der Gewissheit wie schnell aus frohen, fucking weihnachten werden und mit dem Glauben daran, dass man man das pflegen sollte, was man schätzt.

Das mag pathetisch ekelig anmuten. Isses wahrscheinlich auch. Aber es ist, wie es ist. Es ist das, was ich mir wünsche. Das es denen, die ich schätze gut geht.

Nehmts mir nicht übel, mehr ist dieses Jahr nicht drin.

Frohe Weihnachten! Wir lesen uns spätestens in einem besseren 2010 wieder.

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