Sublimierungtendenzen.

by freimachen

Sublimierung ist eine lustige Sache. Nicht nur deswegen wurde es hier schon oft zum Thema. Momentan nimmt es jedoch Formen an, die einer normal gesunden, realistischen Auseinandersetzung nicht mehr standhalten. Dieser hartnäckige Abwehrmechanismus meines Ichs hat es mehr als in sich. Hat man sich nämlich erstmal auf ein Sublimierungsobjekt eingeschossen, nehmen wir beispielsweise mal Schreiben, gibt dies nur eine kurze Befriedigung des Triebes. Um den Anteil der Glückshormone in dieser bitterkalten Zeit und Welt aber auf ausgeglichenem Level zu halten, braucht es immer wieder neue Kicks. Man könnte sagen, je größer der zu verarbeitendende Frust, desto größer der Sublimierungsdrang und die damit verbundene Kreativität in der Umsetzung.

Zu kompliziert? Keine Sorge. Ich versuch das mal an einigen Fallbeispielen zu erläutern. Nehmen wir eine Person, mittleren Alters, weiblich, und zerstreut. Nennen wir sie Ich.

Nehmen wir die letzten Wochen. Ich schreibt wieder. Tag ein, tag aus. Buchstabe an Buchstabe. Wörter im Akkord. Mittlerweile wird ich aber immer sprachloser, die Befriedigung ist dahin, es wird nach Ersatz gesucht. Dann kam das Putzen. Nicht die schlechteste Art zu kompensieren, aber weiteraus weniger künstlerisch veranlagt und kulturell anerkannt. Geiste Leistung sicher auch nicht, daher nur bedingt zu empfehlen.

Jetzt also geht es los mit Kochen. Nach wochenlanger Essensabstinenz, damit positiv verbundener Kiloreduktion und Aufwertung des Selbstbewusstsein, schlägt der Zustand ins Gegenteil um. Ich will zwar immer noch nicht essen, aber ich will kochen. Und andere sollen/dürfen/müssen essen. Das Kochen beruhigt und beschäftigt. Verscheucht es so nebenbei auch für eine kurze Zeit die verhasste Einsamkeit. Aber es geht noch weiter.

Ich hatte letzte Nacht einen Alptraum. Und kurz bevor ich angeschwitzt und aufgeregt aufwachen konnte, träumte ich von Pecorinokäse. Nicht dass ich viele Kochshows sehen würde. Ich hat keinen blassen Schimmer warum es zur Hölle von Käse träume. Ich, diejenige, die Käse aus Erfahrung und Prinzip schon nicht ausstehen kann, träumt einfach so von Käse. Erschreckend. Aber nein, das war nicht alles. Der Käsetrieb trieb sich in ungeahnte Höhen, lies die Gedanken nicht mehr los.  Und so lud ich spontan zum Essen ein, es gab Pecorinokäse in jeglicher Form, Tapas und Antipasti. Ein recht multiküchaler Abend. Und heute?

Heute wird das noch getoppt. Entgegen aller ökologischen Grundsätze, hat ich etwas getan, dass Greenpeace laut im Kleinhirn randalieren und Gummiboote aufblasen lässt. Ich hat gestern beim Einkaufen den Supergau eines jeden LOHAS gekauft. Ein ökopolitischer Fauxpas sondersgleichen. Es war wie eine Sucht. Ich konnte die Finger nicht von ihm lassen. Weißer Spargel. Aus Peru. Im November. Schlimmer geht es nicht, da kann ich noch so viele depressiv werden lassende Sparlampen kaufen, das macht alles zunichte.  Die Gewinnwarnung dieser Ökobilanz geht gar nicht. Ich weiß, es sollte aus schlechtem Gewissen heraus wahrscheinlich die nächste Tage schlaflos Buße tun und das Spargellied im Kanon anstimmen. Vielleicht gibt es ja irgendwo im Netz einen Ablasshandel für solche Sünden … “Für die Gläubiger des globalen Gemüsekalenders” oder so. Aber ich musste es einfach tun. Der Trieb war stärker.

Und so träumt es wieder. Diesmal vor dem Alptraum. Von Spargel mit Kartoffeln und Butter. 1,5 Kilo feinster peruanische Spargel mit dezenter Koksnote. Ein Traum. Und diesmal wird ich es wohl alleine essen müssen. Und bei so viel Spargel kann der Trieb noch mindestens drei Tage befriedigt werden. Wenn schon, denn schon.

Aber es macht mir Angst. Ich räumt um, auf, ein, aus, putzt, plant, läuft Amok, schreibt, kocht als ob es kein Morgen gibt. Und doch kommt ich nicht zur Ruhe und fragt sich, wie das wohl weitergeht.

Was kommt als nächstes?

Wird ich als bastelndes, strickendes, kochendes, lesendes Etwas, gar zu einer Window-Color-Katzenbesitzerin mit Dauersingledasein mutieren? Wird ich im Handarbeitskreis übers Wetter reden und bei Karstadt Bastelbücher kaufen? Wird es womöglich sogar schlimmstenfalls noch als bastelbiene27 im Handarbeitsforum Ehrenmitglied werden? Wird ich hinter einem vergilbtem Macbook (immerhin) sinnloses Zeug in die Tasten tippen? Tatsächlich einen Kleiderschrank aufstellen und Herzbilder im Schlafzimmer aufstellen? Als Deko-drag-queen? Wird ich die Räucherstäbchen wieder hervorkramen und Tarotkartennach dem Ich-Zustand befragen, und wann dieser Zustand ein Ende haben wird? Wird ich tatsächlich dauerhaft Hausschuhe tragen? Freiwillig?

Werde ich dem entsprechend auch so enden?

Nein, ich will so nicht enden. Und ich werde auch verdammt noch mal so nicht enden.

Noch steht es 50:50. Ein offenes Schlachtfeld. Ich werde mich daher im ersten Schritt meinem schlechten Gewissenen und dem Spargel widmen, Greenpeace sprachlos machen und die Chance nutzen, nach dem Klosbesuch kein Raumspray benutzen zu müssen. Es muss sich ja schließlich lohnen, das mit dem Sündenfall.

Und dann werde ich mir überlegen wie ich diese ausgearteten Sublimierungstendenzen im Keim ersticken und in etwas Produktiveres umlenken kann.  Jawohl!

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