Das Dilemma der Ersatzbefriedigung

by freimachen

Oder: Das trügerische Antlitz des triebgesteuerten Konsums.

Das trieb- und konsumgesteuerte Kind in uns, kommt immer dann und wann zum Vorschein, wenn nichts mehr geht. Es klopf an, krallt sich das Portmonaie und rennt davon. Es hetzt vor etwas davon, rennt um sein Leben. Um nicht zu trauern, um nicht die Maske fallen zu lassen. Weitermachen. Irgendwas fühlen.

Es dreht durch, und sucht den Konsumgasmus, den Ersatz, für den Ersatz, dessen Ersatz nicht mehr befriedigt und der nie einer war.

Aber zurück zur Geilheit. Zur Komsumgeilheit, die dieser Tage mal wieder erschreckende Züge annimmt. Aber soll ja keiner sagen, ich lerne nicht aus meinen Fehlern, daher soll diese kleine Liste zukünftig helfen, die Fallen zu erkennen und zu vermeiden.

Also gut, was gehört dazu…

– Betrunken im Internet wahllos Klamotten zu kaufen, führt meist dazu, dass man mindestens eine Nummer zu klein bestellt.
– Je stärker die zu verarbeitende Schmerz, desto größer die Käufe (oder wie soll ich mir sonst erklären, dass ich im verklärten Liebeskummer Delirium mal eben ein Sparbuch geplündert und in ein Objektiv investiert habe???)

– Überflüssig kitschige Wohnungsgegenstände verzeichen einen exorbitanten Anstieg.

– Der Trend zum Cocooning nimmt zu. Einkäufe werden durch Freunde und engelsgleiche Mütter erledigt, die Selbstversorgung schrumpft auf ein Minimum. Essen wir zum überflüssigem Luxus deklariert und die Katze guckt vernachlässigt aus der Wäsche und kuschelt fremd.Gestern ist sie ausgewandert. Aus der Tür hinaus, 6 Kilo Kampfgewicht gegen 76 Stufen, beschleunigung deluxe, jiiihaaaa.  Sie ist ausgewandert, ein Schlag ins Gesicht nach 6 Monaten fürsorglicher Pflege, unzähligen Mahnmalen in Form graziler Vernarbungen später. Wo ist da die Dankbarkeit? Pfff…

– Die Taschenindustrie hingegen verzeichnet einen Konsumstopp und sinkende Umsätze. Denn diese werden seit neustem mit einem Mann assoziiert. Merke: Mann im Spiel, schlecht fürs Geschäft. Sowas sollte mal in einen Businessplan als worst case durchaus bedenken, finde ich. Das wäre wenigstens realistisch. Ich baue da auf Erfahrungswerte. Naja, ein anderes Thema. Aber zurück zur Ersatzbefriedigung.

Denn damit ist es wirklich ein Teufelskreis.

Ganz berauscht, schlafe ich zu meinem ganz persönlichen Mantra ein und träume von Komsumara, der Göttin des enthemmten Shoppingwahns: ” Nein, du brauchst gerade keine Macbook, kein Macbook, kein Macbook, nein, du isst den Apfel nicht, Eva. Nein, nein, nein”

Aber die Göttin schläft.

In Gedanken wird der Kontostand gegen den Schmerz aufgewogen, das Giro bekommt Atemnot und zuckt sich  in unregelmäßigen Abständen  durch den Todeskampf. Und doch.

Es hilft.

Es bringt nicht vorwärts, aber es beruhigt. Es beruhigt, sich am schlimmsten Abend des Jahres,  hinter einem neuen Objektiv verstecken zu können, um nicht beim Heulen gestört zu werden. Es hilft in der Menge zu verschwinden, Musik zu atmen und Lichtstrahlen im Sucher tanzen zu sehen. Es hilft bei Editors die Hälfte der Bilder zu verwackeln nur um nicht aus dem Takt zu kommen. Und es hilft ungemein, von platz 13 Reihe 1 Gavin beim Rotwein trinken zu zu sehen. Iihm zuzuhören, wie er das I don’t know herausschreit, als ob das “give it up” ein Zeichen sein soll. Für einen Moment zufrieden, das erleben zu dürfen, im nächsten Moment tieftraurig. Der Takt, der einen sonst getragen hat, wird taktlos zurückgelassen. Das Duett wird monoton. Aber es hilft es festhalten zu dürfen. Es hilft, neue Perspektiven zu gewinnen. Es hilft sich abzulenken, wenn einem der Himmel auf den Kopf fällt und der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Es lenkt ab. Aber es macht nichts gut oder besser.

Es ist nicht  nicht gut, aber tröstlich. Triebbefriedigung ohne Antrieb. Mit Abrieb, aber ohne Ziel.
Wunden lecken ohne zuzunehmen.

Ein Ersatz, ohne wirkliche Befriedigung.

Diese ist schon vorher gegangen.Zusammen mit dem Mann, der nie um Ersatz gebeten hatte.

Der nie ersetzt werden kann.

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