Hysterie 2.0

by freimachen

Es gibt so Themen, die scheinen der Gesellschaft die Luft zu rauben, hysterische Endzeitstimmung hervorzurufen und jeden, auch wirklich jeden, zu einem Statement hinreißen lassen. Sie umgeben den Alltag wie eine Nebelfront, die einfach nicht vorbeiziehen will und in der die Sichtweite weit unter 20m liegt. Sie verklären den Blick, lassen aus gestandenen Menschen, ängstliche Memmen werde.

War es früher wohl eher die Pest, ist es heute die (Welt-)Wirtschaftskrise, die genau dieses Phänomen derzeit in aller Munde bringt. Überall regiert sie seit Wochen Medien, Stammtische, rss-feeds, (Alp-)Träume, das Weihnachtsgeschäft und das Privatleben. Ich warte schon auf die ersten Absagen a la “Ne, du ich kann heute nicht kommen, die Rezessionsangst steht vor meiner Tür und lässt mich einfach nicht vorbei”.

Aber ich merke, auch mir sitz genau diese, von den Medien besessenhaft verbreitete Angst, mittlerweile tief in den Knochen, bzw. noch viel schlimmer: im Unterbewusstsein. War ich bis vor ein paar Wochen noch informationsbesessen genug, täglich mehrmals alle Nachrichtenseiten zu lesen und Tagesschau zu gucken, mache ich mittlerweile einen Riesenbogen um all das. Ich kann es nicht mehr hören. Nein, falsch, ich WILL es nicht mehr hören. Mir reichts.

Schon mal was von self fullfilling prophecy gehört ihr lieben Leute mit Verantwortung? Je mehr (Existenz-)Angst sich in der Bevölkerung breit macht, desto schneller wird die Abwärtsspirale zum Existus führen. Jeden Tag die gleichen neuen Horrormeldung über Ifo-Indexe, gefährlich niedrige Leitzinsen ohne Wirkung und der x-te Rezessionsvergleich mit der Nachkriegszeit treiben Schweißperlen auf die Denkerseele. Momentan scheint es so als ob es insgeheim Preise dafür gibt, wer am schnellsten die Prognosen nach unten drehen kann und die düstersten Superlative in die Headlines setzt. Die Gewinnwarnungen batteln sich gegenseitig. Ich warte schon darauf, dass neben der “Jesus rettet”-Jüngerin in der Innenstadt, die ersten DAX-Konzerne ihre Mitarbeiter mit Sammelbüchsen aufstellen, damit diese ihnen noch ein paar bitter benötigte Umsätze erschnorren um die Fehlspekulationen auszugleichen, die ihre überbezahlten “Berater” so bitterlich verbockt haben. Klinkenputzen an der Basis, es würde mich nicht überraschen. Dazu dann noch eine beängstigend vernetze Welt, die jeden noch so kleinen Kommentar zur Krise dank Twitter, Blogs und Social Networks in Sekundenbruchteilen in 1.000-facher Ausführung um die Welt schickt, und fertig ist der Teufelskreis.

Was bleibt ist das beklemmende Gefühl, sich dank genau dieser Totalvernetzung dem ganzen gar nicht mehr entziehen zu können, selbst wenn man möchte. Das Überangebot an Information, Rezession und Kommunikation schafft das, was sonst vielleicht nur Kriege vollbringen können. Es erstickt den Optimismus. Shutdown nach Overload. Willkommen im Zeitalter der Hysterie 2.0.

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