Panini 2006 vs. Metallica 2008

by freimachen

Panini 2006 ist wie Metallica 2008. Auf den ersten Blick mag diese Gleichung nicht jedem direkt aufgehen, ja vielleicht auch streng genommen etwas hinken, aber halt nur auf den ersten Blick.

Denn auf den Zweiten, haben sich mir soeben erstaunliche Parallelen eröffnet…

Wir schreiben das Jahr 2006. Ganz Deutschland ist im Paninifieber. Es wird getauscht, gesammlt, es werden Excell-Listen versandt, per Mail versteht sich, die Theke der Stammkneipe zur Tauschbörse umfunktioniert. Klebefolien werden in mühevoller Knibbelarbeit vom Träger gelöst und mit äußerster Vorsicht auf vorgeformte Rahmen geklebt. Kioske werden schon frühmorgens von Kindern, Möchtegern-Erwachsenen und Niemals-Erwachsen-werdenden belagert, in der Hoffnung neue blaue Tütchen könnten frisch aus der Druckpresse noch vor Sonnenaufgang über den Tresen wandern.

Erst nach dem klagvollem Ausscheiden im Halbfinale, bitter verdrückten Tränen und mit dem unverdienten Sieg der bösen Italiener verstummten damals die Schreie nach noch fehlenden Bildchen. So schnell, wie sie gekommen waren, kehrte schon wieder Ruhe ein, in die Vorstadtkioske, Schulhöfe und Büros. Listen wurden gelöscht, das letzte Bilder verklebt und das mühsam zusammengetauschte Album zum Verstauben in den “Andenken/Erinnungen” IKEA-Karton verbannt.

[Mein letztes war übrigens die 515. Dazu gab’s dann sogar nen Artikel beim ARD online WM Special, aber das ist eine andere Geschichte und wie es dazu kam, steht vielleicht irgendwann mal an anderer Stelle.]

Vorbei also der Sommer zu Gast bei Freunden. Panini war Vergangenheit.

Damals waren wir Deutschland.

Heute ist 2008. Heute sind wir Metallica. Du bist Metallica.
Statt kleben und tauschen heißt es jetzt lauschen, nicht kleckern, sondern klotzen.

Denn egal wo man hinhört dieser Tage, überall ist die Rede von DEM Album 2008. Dem Namen gleich, zieht es jeden noch so schrägen Mittzwanziger/-Dreißiger/-Vierziger mit Musikbewusstsein magnetisch an.
Schlipsträger versammeln sich, wie Lemminge frisch aus der Bruderschaft, um den dröhnenden Bass der Kompaktanlage, ziehen den Gürtel enger, vergessen ihre Manieren und ertappen sich beim andächtigem Mitwippen. Eingerostete Rockerknochen bersten im Takt zu “Suicide & Redemption”.
An der Ampel verschreckt der Kanon aus unzähligen Autoradios von “All Nighmare Long” die Oma mit dem Gehwagen. Bei Amazon begrüßt mich seit Tagen der Link zum Album als “persönliche Empfehlung für Sie”. Physiotherapeuten sammeln die Jünger zu ersten “Isch hab Rücken und hör Metallica”-Selbsthilfegruppen um sich. Blogs sind voll davon, einschlägige Nachrichtenmagazine schickten ihre Gesandten in Scharen zu den Presseterminen.

Man hört es schon munkeln, dass “James” hinter vorgehaltener Hand bei co-schwangeren Bald-Vätern schon jetzt als neuer Babyname NR.1 auf den einschlägigen Listen gehandelt wird. Wo man auch hinhört, überall flüstern verschwörerische Stimmen: “Hast du schon die neue Metallica gehört?”. Wehe dem, der da verneinend zu wiedersprechen wagt.

Das man bei Amazon Vorbestellungsmöglichkeiten käuflich erwerben kann, mag einem da nur als kleine bezeichnende Episode des aktuellen Metallicawahns vorkommen und nicht wirklich als beachtenswert erscheinen. Welche Band hat es sonst wohl schon mal geschafft, reine Vorbestellgutscheine für ganze 15 € zu verscherbeln? Also virtuelle “Du darfst das bald kaufen”-Codes für reales Geld… Zugegeben, keine schlechte Idee. Das muss den Jungs erstmal einer nachmachen.

Und ja, es wird gefachsimpelt. Überall werden Riffs von der “Master of Puppets” mit dem Glanzstück der Rick Rubinschen Produzentenkunst verglichen, die Wiedergeburt des Metals gefeiert und feierlich und gemeinschaftlich in den Lobesgesang eingestimmt. Kollektiv werden Ausreißer wie “St. Anger” und “Reload” aus der Banddiskografie verurteilt, der Lebenswandel des Herrn Hetfield gelobt und die langjährige Treue zur Band wie eine Auszeichnung vor der Brust herumgetragen. Wie in einer eingeschworenen Gemeinde, in der keiner merkt, dass aus eigenständigen Individuen Mitläufer der kollektiven Musikangeberei geworden sind.

Wohl nur ein Bruchteil hat es sich dabei wohl überhaupt zur Aufgabe gemacht, das Album wenigstens einmal ganz gehört zu haben. Denn es lohnt sich ja wirklich. Was übrigens noch erbärmlicher ist, als Geld für eine Vorbestellbox auszugeben.

Nicht, dass man das jetzt falsch versteht. Ich mag Metallica.

Aber ich frage mich an dieser Stelle einfach mal, wie es dazu überhaupt kommen konnte und wie lange dieser Hype noch andauern wird? Werden wir noch zu Weihnachten zum Takt des besinnlichen “That Was Just Your Life” die Hüften schwingen und überflüssige Dominostein-Pfunde abschütteln?

Oder werden wir uns gar 2010 beim (ich will ja nix heraufbeschwören) zu den Klängen “The Day That Never Comes” weinend und fluchend in den Armen liegen, wenn es in Südafrika wieder einmal nicht zum begehrten WM-Titel reichen sollte?

Wie lange kann sich die verbalisierte Wut im Zeistgeist halten? Und wer wird am Ende hypetechnisch das Rennen machen? Gestern erst las ich im Videotext, dass “Hardrock” immer in Krisenzeiten eine wahre Renaissance erlebt. Wenn man das dann mal auf Metal und die aktuelle Finanzkrise ausdehnen mag, weiß man, wo der Hase läuft. Da mag was dran sein…

Panini vs. Metallica… ich werd da noch nicht ganz schlau draus. Noch steht es unentschieden und ich bin wiklich am Grübeln, wer denn schlussendlich die Nase vorne haben wird…

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